Das Ende der rosaroten Brille

Zum ersten Mal in ihrem Leben
Hat sie sich einen Ruck gegeben –
den Blick in den Spiegel klar zu wagen,
ohne ihre rosarote Brille zu tragen.

Mein Gott, was ist das?
Oder noch besser: Wer?
Das kann doch nicht sein,
schnell, die Brille muss her!

Wer ist die Person,
und wie kommt sie hier rein?
Wie sieht sie nur aus,
nein, was für ein Graus!

Der Spiegel erwacht,
er wackelt und lacht:
„Madame, das bist du.
Schau dich an, sieh dir zu.“

Überraschung, ein Schrei,
dann die Brille entzwei.
Ihr Kopf ist ganz leer,
kann denken nicht mehr.

Sie schaut und dann sieht sie,
wer sie wirklich ist.
Sie freut sich und spürt,
sie hat sich vermisst.

Ihr Leben lang hat sie die rote Brille getragen,
war durch diesen Schleier mit Blindheit geschlagen.
Nun kann sie sehen, was sie ist und was nicht.
Und es führt sie ins Leben die Klarheit der Sicht.

Antje König